Tagebuch mit meiner Stute Cera
Cera ist inzwischen sieben Jahre alt. Ich kaufte
sie vor nunmehr drei Jahren. sie ist Parelli-mäßig trainiert und
ansonsten in der Klassisch-iberischen Reitweise nach Monika
Amelsberg geritten. Cera ist von ausgeglichenem Temperament, eher
phlegmatisch. Auf der Weide bockt sie tierisch und tobt manchmal
gern - aber niemals unter dem Sattel und auch nicht bei der
Handarbeit.
Im folgenden beschreibe ich die ersten
Trainingsstunden, die ich mit Cera in der HSH-Methode erlebte. Cera
ist durch die Parelli-Arbeit an Leinen gewöhnt, die ihren Körper
berühren, sie hat kein Problem damit, wenn man hinter ihr geht.
1.
Stunde
Ich habe mir noch einmal die Videos von Herrn
Stahlecker angesehen und bin hoch motiviert. Die neue Ausrüstung ist
bestellt, aber noch nicht da. Also behelfe ich mir mit einem
normalen Kappzaum und einer Doppellonge. Cera ist noch nicht
ausgebunden.
Als erstes gehe ich in der Halle hinter Cera
her.
1. Problem: Cera geht nicht an der Bande
entlang, schwankt sehr, versucht in die Bahnmitte zu driften.
2. Problem: Immer nach dem Anhalten kommt sie
rückwärts auf mich zu. Klar, hatten wir ja auch all die Wochen zuvor
über Parelli trainiert.
Bereits nach 10 Minuten, weiß sie aber, was ich
von ihr will.
Arbeitspensum: Schritt außen herum, ab und zu
mit „haaaalt“ anhalten, einige Tritte seitwärts. Anhalten geht gut,
allerdings mit Hilfe der Longe. Seitengänge seehr zögerlich. Muss
die Gerte zu Hilfe nehmen.
2.
Stunde
Gleiche Ausrüstung wie gestern. 1. Erfolg: Cera
geht gleich außen herum. Anhalten deutlich besser als gestern. Ich
beginne mit dem 5-Schritte-zählen. Das klappt gar nicht. Macht nix.
Seitengänge auch noch schleppend.
3.
Stunde
Wir üben das bisher Gelernte. Es geht alles
insgesamt etwas leichter. Ich beginne, den Spanischen Schritt zu
üben. Cera versteht schnell, hebt das Bein auf Anticken mit der
Gerte, ich ziehe es weit nach oben und vorne raus. Alles im Stehen.
Und nur das innere linke Bein
Nächster Tag
Ich habe Cera 30 Minuten geritten. Das erste Mal
seit drei Wochen. Cera hat nichts verlernt.
4.
Stunde
Die neue Ausrüstung ist da! Kappzaum, Leinen,
Ober- und Unterzügel, Schnallen für die Ausbinder. Ich passe den
Kappzaum an. Er ist noch sehr steif, passt aber gut. Ich habe noch
keine Sporenriemchen, nehme stattdessen Kabelverbinder für die
„Sollbruchstelle“.
Ich gehe mit Cera wie gewohnt in die Halle, will
links herum an der Bande gehen. Ich schaffe ca. drei Schritte, dann
trabt Cera kräftig an. "Haaaaalt", rufe ich, stolpere hinterher und
halte die Leinen fest. Die „Sollbruchstellen“ geben nach. Ich stehe
mit den Leinen in der Hand ohne Pferd am selben Fleck. Cera tobt wie
wild durch die Halle. Offenbar erschrickt sie der Kappzaum - oder
sie ist einfach "gut drauf"!
Nach ein paar Minuten kann ich sie einfangen.
Ich nehme den Kappzaum ab, lasse sie noch ein wenig weitertoben, ehe
ich in die Wohnung gehe, um neue – stärkere – Kabelverbinder zu
holen.
Nach diesem kleinen Gemütsausbruch, geht die
Arbeit aber wie die Tage zuvor normal weiter. Ich übe etwas mit den
Leinen, besonders das Umwerfen auf die andere Körperseite. Cera hält
gut an, das Seitwärtsgehen wird leichter.
5.
Stunde
Ich habe viel in den Anweisungen von Herrn
Stahlecker nachgelesen – und mit meiner Freundin Christine
telefoniert, die zeitgleich mit mir mit der Arbeit begonnen hat.
Erste Amtshandlung: Ich plündere meinen
Haselnussstrauch und schneide mir zehn lange Naturgerten, die ich
zum Trocknen in die Ecke stelle, eine nehme ich mit für die Arbeit.
Für Cera kommen folgende Übungen dazu:
Übertreten in der Ecke (aus der Ecke kehrt), Anhalten nach fünf
Schritten, „stell dich gerade“, nur wenige Tritte seitwärts, dann
gerade, dann wieder seitwärts, und immer noch Spanischer Schritt im
Stehen. Die Seitengänge gehen deutlich besser, das Anhalten fast
immer ganz ohne Leine. „Stell dich gerade“ erfordert viel
Gerteneinsatz.
6.
Stunde
Ich habe heute nur wenig Zeit. Cera scheint
anzufangen, die fünf Schritte abzuzählen. Immer öfter stellt sie
sich beim Anhalten gerade hin, muss dazu aber aufgefordert werden.
Sie hat an Vorwärts verloren, verlangsamt den Schritt bis zum
Halten, wenn ich sie hinten anticke, um das Bein zum schnellen
Abfußen zu bewegen. Ist das gut?
Nächster Tag
Heute war Hansepferd. Ich habe die Messe mit
Christine besucht. Anschaffung: 5 billige Sporenriemchen für die
„Sollbruchstelle“ und eine Touchiergerte mit einem kleinen Schlag.
Es ist eigentlich eine kurze Fahrpeitsche, die man aber prima dafür
verwenden kann, vor allem war sie als billiges Messeprodukt ganz
preiswert.
7.
Stunde
Das Wetter ist trüb und kalt, ich muss mit Cera
erneut in die Halle. Als erstes schnalle ich die Sporenriemchen ein.
Das ist wirklich eine Verbesserung: Die Leinen werden um rund 30 cm
länger – genau die Länge, die ich von Anfang an gewollt hatte. In
der Halle übe ich das bereits Gelernte. Deutlich verbessert sich der
Spanische Schritt. Ich kriege ein – zwei Schritte aus dem Schritt
heraus hin. Ich lobe das Pferd über alle Maßen – und höre auf.
8.
Stunde
Wir haben strahlendes Sonnenwetter. Deshalb gehe
ich am Abend mit Cera auf den Reitplatz. Es ist niemand mehr im
Stall, wir haben also Ruhe. Draußen ist Cera deutlich abgelenkter,
will sich erstmal alles begucken. Ich fange als erstes mit Schritt
außenrum und "Haaaalt" an. Die ersten paar Male gehen nicht so gut,
dann sitzt das alte Programm wieder. Ich kann ohne Leinen anhalten.
Seitwärts geht hier draußen auch nicht so gut. Ich habe ja auch noch
keine „Fixpunkte“, wo ich die Lektion beginne.
Mehrfach bietet mir Cera ein „aus der Ecke
kehrt“ an. Sie tritt relativ sauber hinten über und geht in sehr
guter Travers-Haltung zum neuen Hufschlag. Ich nehme das an, obwohl
ich das nicht wollte, um dann nach wenigen Metern wieder auf die
alte Hand zurückzuwechseln. Cera liebt diese Übung.
Den Schritt schneller machen, will ich auch
draußen nicht. Komme sonst kaum hinterher. Aber kürzer. Ich beginne
wieder die „5-Schritte-Phase“. Geht einigermaßen. Zum
„Stell-dich-gerade“ muss ich sie immer auffordern. Aber sie macht
es. Ich gebe immer zuerst das Stimmkommando, bevor ich mit der Gerte
anticke.
Nach einem Päuschen und viel Lob geht es zum
„Tritte schneller machen“ durch anticken des jeweils aufsetzenden
Hinterbeins. Ich muss etwas fester ticken. Dann hebt sie die Beine
wirklich flott – aber nur zwei Mal, weil sie dann zum Halten
durchpariert. Ich kriege sie dann nicht wieder losgeschickt. Ticke
ich noch mal, versucht sie, sich besser hinzustellen. Selbst das
Anschlackern mit den Leinen, anticken auf der Kruppe, Schnalzen
lässt sie nur zögerlich in Gang kommen.
Nach ein paar Wiederholungen wechsle ich die
Hand. Hier ist es leichter. Ich schaffe es sogar, sie ein bisschen
antraben zu lassen, um mehr Vorwärts zu erzeugen. Aber auch hier
pariert sie nach ein paar Malen zum Halten durch. Das Halten ist
dann wirklich weit untergesetzt und gerade.
Zu guter Letzt arbeiten wir noch am Spanischen
Schritt weiter. Der klappt immer besser, oft schon beide Beine
nacheinander. Das rechte, bisher ungeübte Bein verbessere ich noch
mal im Stehen, ehe ich es wieder im Schritt versuche. Manchmal
„schaufelt“ sie mit dem Bein einmal, ehe sie es absetzt, was immer
ein Stehenbleiben zur Folge hat. Dafür hebt sie das Bein fast bis
zum Kinn. Das äußere Bein auch.
9.
Stunde
Ich wiederhole das Programm von gestern. Wir
sind wieder draußen. Heute ist Cera nicht mehr so guckig, aber
unwirscher ingesamt. Ich glaube, sie wird wieder rossig. Die
Problematik des Stehenbleibens, wenn sie die Füße schneller heben
soll, ist leider auch noch da. Ich versuche, sie mit einem
vermehrten, stärkeren Anticken vorwärts zu schicken. Das Ergebnis
ist ein Hüpfer hinten hoch mit beiden Hinterbeinen. Wenn ich mein
Anticken wiederhole, hüpft sie auch vorne. Wie ein Schaukelpferd.
Das macht sie ein-zwei Mal, dann geht sie.
Ich mache jetzt für zwei Runden gar nichts, gehe
nur super fleißigen Schritt, um wieder Vorwärts zu installieren.
Zum Ende hin versuche ich unsere erste Trabrunde
auf dem Zirkel. Ich laufe neben ihr mit, die Leinen sind über den
Hals geworfen beide innen (über Widerrist und Rücken), nicht um die
Hinterbeine herum. Wären auch zu kurz. Sie fragt mich nach jeder
Runde: „Darf ich jetzt reinkommen?“ Ein leichtes Anticken der
Hinterbeine mit der Gerte im Trab bringt keine wesentliche
Veränderung. Ich belasse es dabei, wechsel auch nicht die Hand. Das
müssen wir mal am Anfang der Stunde üben, wenn wir gut drauf sind.
Abschlussübung ist wieder der Spanische Schritt.
Und der wird immer besser. Um meinen Leckerli-Verbrauch zu
reduzieren, gibt’s jetzt nur für zwei-drei aufeinanderfolgende
schöne Schritte die Belohnung. Ich muss die Beine nicht mehr
anticken, es reicht ein Tappen auf die Brust, bzw. ein Wedeln vor
ihrem Kopf. Wenn es mir gelingt, den Kopf höher zu halten (sie
schielt einfach zu gerne auf meine Jackentasche, wo die Leckerlis
drin sind), kommt das Bein noch höher. Ich kann sehen wie sich die
gesamte Schulter des Pferdes um bestimmt 5-10 cm hebt.
Die Beine setzt sie auch – Gott sei dank – lang
und weich ab. Es kommt kein Gestampfe zustande. Wenn ich mit dem
Ergebnis nicht zufrieden bin und sie zu mehr Bemühung auffordere,
verbessert sie das Heben des Beines. Wieder mache ich nach einer
sehr guten Sequenz Schluss.
Cera darf noch auf dem Platz tollen. Aber das
will sie nicht. Sie klebt an mir, wie Honig. Ich muss sie nach
Parelli-Manier wegschicken, gebe das Zeichen zum Angaloppieren und
sie galoppiert freudig um den Platz. – nicht ohne mich zu
beobachten. Ich bücke mich etwas und gehe zügig rückwärts: Cera hält
an, dreht sich zu mir und kommt im Schritt auf mich zu. Ich treibe
sie an, schneller zu gehen. Sie galoppiert tatsächlich auf mich zu
und nimmt sogar noch das Cavaletti mit, das zufällig zwischen uns
steht. Distanz von der Ecke zu mir: Gute 30 Meter!
Die Arbeit scheint Pferd und Reiter sehr
miteinander zu verbinden. Mir kommt es so vor, als wäre es noch
deutlicher so, als im Parelli-Programm. Mal sehen, was der nächste
Tag bringt.