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Mein Einstieg in HSH – Tagebuch

Wie ich von HSH erfahren habe
und meine Erfahrungen mit meiner Cera in den ersten Tagen

2006 auf der Hansepferd-Messe entdeckte ich die beiden Lehr-DVDs „Handarbeit für junge Dressurpferde“ von Fritz Stahlecker. Stahlecker? Nie gehört. Und das will etwas heißen, weil ich so ziemlich von jedem Ausbilder etwas gelesen oder dessen Videos gesehen hatte. Die Beschreibung auf dem Cover sprach mich an, und für meine Cera – eben angeritten – brauchte ich einen sinnvollen, pferdegerechten Ausbildungsweg. Also kaufte ich die DVDs.

Die Filmaufnahmen übertrafen alle meine Erwartungen: Ein Mann in den 70ern „tanzt“ mit seinem vierjährigen Hengst durch die Halle. Alles was er erzählt und beschreibt, ist nicht nur pferdegerecht. Es ist immer zum Wohle des Pferdes. Er geht davon aus, dass das Pferd es uns immer recht machen will. Wir müssen nur einen Weg finden, uns dem Vierbeiner mitzuteilen.

Trotzdem sollte es noch zwei Jahre dauern, ehe ich mich diesem System zuwandte. Ich habe mir die Arbeit an der Hand damals einfach nicht zugetraut. Heute bedaure ich das sehr und weiß, wie unbegründet meine Bedenken waren.

2008 fand ich Stahleckers damals neue Internetseite (www.hsh-fritz-stahlecker.de). Leider wohnt er in der Nähe von Stuttgart – nicht gerade ein Katzensprung von hier. Aber ich wollte mehr über die Methode erfahren, machte einen Termin ab und fuhr mit meiner Freundin Christine, die von HSH ebenso begeistert ist wie ich, hin.

Wir hatten das Glück, dass wir mehrere – meist junge – Pferde mit ihren Besitzern bei der Handarbeit beobachten durften. Dabei erklärte uns Herr Stahlecker, was und zu welchem Zweck da gerade erarbeitet wurde und welche Stärken und Schwächen jedes einzelne Pferd mitbrachte.

Was für ein Genuss! Alle Pferde waren mit Feuereifer bei der Arbeit, spitzten die Ohren und waren voll auf ihren Ausbilder konzentriert. Keins schlug mit dem Schweif oder zeigte irgendeine Abwehrhaltung. Und das Tollste: Es waren auch „ganz normale“ Pferde und Besitzer darunter – nicht nur ausgebildete Reitlehrer und künftige Olympia-Cracks. Und alle Pferde zeigten bereits Piaffe oder kurze Tritte, Spanischen Schritt und Spanischen Trab, Steigen auf Kommando und Galopp-Pirouetten oder deutlich erkennbar die Ansätze dazu.

Nach der Handarbeit wurden die gerittenen Pferde auch unter dem Sattel gezeigt. Besonders beeindruckend: Fritz Stahleckers Hengst Mataré, inzwischen 6-jährig, den wir ja schon von den Lehr-DVDs kannten. Er trabt und passagiert wie auf Wolken, spielerisch, leichtfüßig, scheinbar ohne Anstrengung.

Wir hätten noch Tage zusehen können. Alle machten uns Mut, diese Arbeit selbst zu probieren. Und so fingen Christine und ich fast zeitgleich mit unseren Pferden an.

Bei-StahleckerChristine (rechts) und ich zu Besuch beim Meister Fritz Stahlecker

Tagebuch mit meiner Stute Cera

Cera ist inzwischen sieben Jahre alt. Ich kaufte sie vor nunmehr drei Jahren. sie ist Parelli-mäßig trainiert und ansonsten in der Klassisch-iberischen Reitweise nach Monika Amelsberg geritten. Cera ist von ausgeglichenem Temperament, eher phlegmatisch. Auf der Weide bockt sie tierisch und tobt manchmal gern – aber niemals unter dem Sattel und auch nicht bei der Handarbeit.

Im folgenden beschreibe ich die ersten Trainingsstunden, die ich mit Cera in der HSH-Methode erlebte. Cera ist durch die Parelli-Arbeit an Leinen gewöhnt, die ihren Körper berühren, sie hat kein Problem damit, wenn man hinter ihr geht.

1. Tag

Ich habe mir noch einmal die Videos von Herrn Stahlecker angesehen und bin hoch motiviert. Die neue Ausrüstung ist bestellt, aber noch nicht da. Also behelfe ich mir mit einem normalen Kappzaum und einer Doppellonge. Cera ist noch nicht ausgebunden.

Als erstes gehe ich in der Halle hinter Cera her.

1. Problem: Cera geht nicht an der Bande entlang, schwankt sehr, versucht in die Bahnmitte zu driften.

2. Problem: Immer nach dem Anhalten kommt sie rückwärts auf mich zu. Klar, hatten wir ja auch all die Wochen zuvor über Parelli trainiert.

Bereits nach 10 Minuten, weiß sie aber, was ich von ihr will.

Arbeitspensum: Schritt außen herum, ab und zu mit „haaaalt“ anhalten, einige Tritte seitwärts. Anhalten geht gut, allerdings mit Hilfe der Longe. Seitengänge seehr zögerlich. Muss die Gerte zu Hilfe nehmen.

2. Tag

Gleiche Ausrüstung wie gestern. 1. Erfolg: Cera geht gleich außen herum. Anhalten deutlich besser als gestern. Ich beginne mit dem 5-Schritte-zählen. Das klappt gar nicht. Macht nix. Seitengänge auch noch schleppend.

3. Tag

Wir üben das bisher Gelernte. Es geht alles insgesamt etwas leichter. Ich beginne, den Spanischen Schritt zu üben. Cera versteht schnell, hebt das Bein auf Anticken mit der Gerte, ich ziehe es weit nach oben und vorne raus. Alles im Stehen. Und nur das innere linke Bein

Nächster Tag

Ich habe Cera 30 Minuten geritten. Das erste Mal seit drei Wochen. Cera hat nichts verlernt.

4. Tag

Die neue Ausrüstung ist da! Kappzaum, Leinen, Ober- und Unterzügel, Schnallen für die Ausbinder. Ich passe den Kappzaum an. Er ist noch sehr steif, passt aber gut. Ich habe noch keine Sporenriemchen, nehme stattdessen Kabelverbinder für die „Sollbruchstelle“.

Ich gehe mit Cera wie gewohnt in die Halle, will links herum an der Bande gehen. Ich schaffe ca. drei Schritte, dann trabt Cera kräftig an. „Haaaaalt“, rufe ich, stolpere hinterher und halte die Leinen fest. Die „Sollbruchstellen“ geben nach. Ich stehe mit den Leinen in der Hand ohne Pferd am selben Fleck. Cera tobt wie wild durch die Halle. Offenbar erschrickt sie der Kappzaum – oder sie ist einfach „gut drauf“!

Nach ein paar Minuten kann ich sie einfangen. Ich nehme den Kappzaum ab, lasse sie noch ein wenig weitertoben, ehe ich in die Wohnung gehe, um neue – stärkere – Kabelverbinder zu holen.

Nach diesem kleinen Gemütsausbruch, geht die Arbeit aber wie die Tage zuvor normal weiter. Ich übe etwas mit den Leinen, besonders das Umwerfen auf die andere Körperseite. Cera hält gut an, das Seitwärtsgehen wird leichter.

5. Tag

Ich habe viel in den Anweisungen von Herrn Stahlecker nachgelesen – und mit meiner Freundin Christine telefoniert, die zeitgleich mit mir mit der Arbeit begonnen hat.

Erste Amtshandlung: Ich plündere meinen Haselnussstrauch und schneide mir zehn lange Naturgerten, die ich zum Trocknen in die Ecke stelle, eine nehme ich mit für die Arbeit.

Für Cera kommen folgende Übungen dazu: Übertreten in der Ecke (aus der Ecke kehrt), Anhalten nach fünf Schritten, „stell dich gerade“, nur wenige Tritte seitwärts, dann gerade, dann wieder seitwärts, und immer noch Spanischer Schritt im Stehen. Die Seitengänge gehen deutlich besser, das Anhalten fast immer ganz ohne Leine. „Stell dich gerade“ erfordert viel Gerteneinsatz.

6. Tag

Ich habe heute nur wenig Zeit. Cera scheint anzufangen, die fünf Schritte abzuzählen. Immer öfter stellt sie sich beim Anhalten gerade hin, muss dazu aber aufgefordert werden. Sie hat an Vorwärts verloren, verlangsamt den Schritt bis zum Halten, wenn ich sie hinten anticke, um das Bein zum schnellen Abfußen zu bewegen. Ist das gut?

Nächster Tag

Heute war Hansepferd. Ich habe die Messe mit Christine besucht. Anschaffung: 5 billige Sporenriemchen für die „Sollbruchstelle“ und eine Touchiergerte mit einem kleinen Schlag. Es ist eigentlich eine kurze Fahrpeitsche, die man aber prima dafür verwenden kann, vor allem war sie als billiges Messeprodukt ganz preiswert.

7. Tag

Das Wetter ist trüb und kalt, ich muss mit Cera erneut in die Halle. Als erstes schnalle ich die Sporenriemchen ein. Das ist wirklich eine Verbesserung: Die Leinen werden um rund 30 cm länger – genau die Länge, die ich von Anfang an gewollt hatte. In der Halle übe ich das bereits Gelernte. Deutlich verbessert sich der Spanische Schritt. Ich kriege ein – zwei Schritte aus dem Schritt heraus hin. Ich lobe das Pferd über alle Maßen – und höre auf.

8. Tag

Wir haben strahlendes Sonnenwetter. Deshalb gehe ich am Abend mit Cera auf den Reitplatz. Es ist niemand mehr im Stall, wir haben also Ruhe. Draußen ist Cera deutlich abgelenkter, will sich erstmal alles begucken. Ich fange als erstes mit Schritt außenrum und „Haaaalt“ an. Die ersten paar Male gehen nicht so gut, dann sitzt das alte Programm wieder. Ich kann ohne Leinen anhalten. Seitwärts geht hier draußen auch nicht so gut. Ich habe ja auch noch keine „Fixpunkte“, wo ich die Lektion beginne.

Mehrfach bietet mir Cera ein „aus der Ecke kehrt“ an. Sie tritt relativ sauber hinten über und geht in sehr guter Travers-Haltung zum neuen Hufschlag. Ich nehme das an, obwohl ich das nicht wollte, um dann nach wenigen Metern wieder auf die alte Hand zurückzuwechseln. Cera liebt diese Übung.

Den Schritt schneller machen, will ich draußen auch nicht. Komme sonst kaum hinterher. Aber kürzer. Ich beginne wieder die „5-Schritte-Phase“. Geht einigermaßen. Zum „Stell-dich-gerade“ muss ich sie immer auffordern. Aber sie macht es. Ich gebe immer zuerst das Stimmkommando, bevor ich mit der Gerte anticke.

Nach einem Päuschen und viel Lob geht es zum „Tritte schneller machen“ durch anticken des jeweils aufsetzenden Hinterbeins. Ich muss etwas fester ticken. Dann hebt sie die Beine wirklich flott – aber nur zwei Mal, weil sie dann zum Halten durchpariert. Ich kriege sie dann nicht wieder losgeschickt. Ticke ich noch mal, versucht sie, sich besser hinzustellen. Selbst das Anschlackern mit den Leinen, anticken auf der Kruppe, Schnalzen lässt sie nur zögerlich in Gang kommen.

Nach ein paar Wiederholungen wechsle ich die Hand. Hier ist es leichter. Ich schaffe es sogar, sie ein bisschen antraben zu lassen, um mehr Vorwärts zu erzeugen. Aber auch hier pariert sie nach ein paar Malen zum Halten durch. Das Halten ist dann wirklich weit untergesetzt und gerade.

Zu guter Letzt arbeiten wir noch am Spanischen Schritt weiter. Der klappt immer besser, oft schon beide Beine nacheinander. Das rechte, bisher ungeübte Bein verbessere ich noch mal im Stehen, ehe ich es wieder im Schritt versuche. Manchmal „schaufelt“ sie mit dem Bein einmal, ehe sie es absetzt, was immer ein Stehenbleiben zur Folge hat. Dafür hebt sie das Bein fast bis zum Kinn. Das äußere Bein auch.

 9. Tag

Ich wiederhole das Programm von gestern. Wir sind wieder draußen. Heute ist Cera nicht mehr so guckig, aber unwirscher ingesamt. Ich glaube, sie wird wieder rossig. Die Problematik des Stehenbleibens, wenn sie die Füße schneller heben soll, ist leider auch noch da. Ich versuche, sie mit einem vermehrten, stärkeren Anticken vorwärts zu schicken. Das Ergebnis ist ein Hüpfer hinten hoch mit beiden Hinterbeinen. Wenn ich mein Anticken wiederhole, hüpft sie auch vorne. Wie ein Schaukelpferd. Das macht sie ein-zwei Mal, dann geht sie.

Ich mache jetzt für zwei Runden gar nichts, gehe nur super fleißigen Schritt, um wieder Vorwärts zu installieren.

Zum Ende hin versuche ich unsere erste Trabrunde auf dem Zirkel. Ich laufe neben ihr mit, die Leinen sind über den Hals geworfen beide innen (über Widerrist und Rücken), nicht um die Hinterbeine herum. Wären auch zu kurz. Sie fragt mich nach jeder Runde: „Darf ich jetzt reinkommen?“ Ein leichtes Anticken der Hinterbeine mit der Gerte im Trab bringt keine wesentliche Veränderung. Ich belasse es dabei, wechsel auch nicht die Hand. Das müssen wir mal am Anfang der Stunde üben, wenn wir gut drauf sind.

Abschlussübung ist wieder der Spanische Schritt. Und der wird immer besser. Um meinen Leckerli-Verbrauch zu reduzieren, gibt’s jetzt nur für zwei-drei aufeinanderfolgende schöne Schritte die Belohnung. Ich muss die Beine nicht mehr anticken, es reicht ein Tappen auf die Brust, bzw. ein Wedeln vor ihrem Kopf. Wenn es mir gelingt, den Kopf höher zu halten (sie schielt einfach zu gerne auf meine Jackentasche, wo die Leckerlis drin sind), kommt das Bein noch höher. Ich kann sehen wie sich die gesamte Schulter des Pferdes um bestimmt 5-10 cm hebt.

Die Beine setzt sie auch – Gott sei dank – lang und weich ab. Es kommt kein Gestampfe zustande. Wenn ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden bin und sie zu mehr Bemühung auffordere, verbessert sie das Heben des Beines. Wieder mache ich nach einer sehr guten Sequenz Schluss.

Cera darf noch auf dem Platz tollen. Aber das will sie nicht. Sie klebt an mir, wie Honig. Ich muss sie nach Parelli-Manier wegschicken, gebe das Zeichen zum Angaloppieren und sie galoppiert freudig um den Platz. – nicht ohne mich zu beobachten. Ich bücke mich etwas und gehe zügig rückwärts: Cera hält an, dreht sich zu mir und kommt im Schritt auf mich zu. Ich treibe sie an, schneller zu gehen. Sie galoppiert tatsächlich auf mich zu und nimmt sogar noch das Cavaletti mit, das zufällig zwischen uns steht. Distanz von der Ecke zu mir: Gute 30 Meter!

Die Arbeit scheint Pferd und Reiter sehr miteinander zu verbinden. Mir kommt es so vor, als wäre es noch deutlicher so, als im Parelli-Programm. Mal sehen, was der nächste Tag bringt.