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Aug 27 2018

Karin-Schoepke

27 Jahre Reiterflohmarkt im Stall Schöpke in Tangstedt

Einmal im Jahr steppt hier der Bär, und Hunderte von Besuchern überrollen meine Anlage: Ganz klar, es ist Flohmarkttag – wie immer am 1. Sonntag im November – nun schon seit 27 Jahren. Ich kann mich noch gut an die Anfangszeit erinnern, die mit 5 Ständen und rund 80 Gästen begann. Heute habe ich ca. 70 Stände und über 1000 Besucher. Jedes Jahr hoffen wir auf gutes Wetter, weil längst nicht mehr alle Aussteller in die Halle passen. Kaum einer der pferdebegeisterten Schnäppchenjäger und Aussteller ahnt, wieviel Arbeit dahinter steckt, diesen einen Tag im Jahr zu organisieren.

Nach dem Flohmarkt ist vor dem Flohmarkt
Die Planung für das nächste Jahr beginnt schon am Ende des Flohmarkttages. Da sitze ich mit allen Helfern zur Manöverkritik zusammen. Wie ist der Tag gelaufen? Hat alles reibungslos geklappt? Gibt es Klagen oder Anregungen? Was können wir im nächsten Jahr noch optimieren?

Flohmärkte haben ja so ihre ganz eigene Dynamik, ganz besonders Pferdeflohmärkte. Sie sind und bleiben unvorhersehbar. Ich habe noch nicht herausgefunden, woran es liegt, ob die Veranstaltung gut oder schlecht besucht wird, wann die Besucher kommen und wie viel sie verzehren.

Februar
Schon jetzt beginnt meine Planung. Die ersten Anmeldungen trudeln ein. Ich richte eine neue Excel-Tabelle ein und aktualisiere meine Flohmarkt-Facebook-Seite. Bis zum Flohmarkttag werde ich weit über 500 Emails geschrieben und beantwortet haben, sitze etliche Stunden an der Excel-Tabelle für die Hallenplanung.

Juli
Ich stelle die Flohmarktanzeige auf meine Homepage. Schon jetzt diskutieren wir im Team, was alles bis dahin noch zu tun ist, wie wir die Einkäufe am geschicktesten einteilen und erledigen. Haben wir überhaupt genug Leute zum Helfen??? Letztes Jahr war die Parksituation das reinste Chaos. Deshalb habe ich vier „Aufpasser“ angeheuert, die sich darum kümmern sollen, dass keiner sein Auto im Vorgarten des Nachbarn abstellt (ist tatsächlich passiert!) und die Feuerwehrzufahrt zuparkt.

August
Alle Plätze IN der Halle und unter der Remise sind vergeben. Jetzt habe ich nur noch Plätze im Außenbereich. Ich überlege, dieses Jahr gar keine Flyer mehr zu drucken, weil es eh schon so irre voll wird. Der Flohmarkt hat sich rumgesprochen!

September
Im September kontrolliere ich die Vorräte: Habe ich noch genug Kaffee-Becher, Servietten, Pappteller und Besteck? Sind Waffeleisen und Kaffeemaschine intakt? Vielleicht muss ich etwas nachkaufen. Ich bestelle die Miet-Toiletten.

Oktober
Ende Oktober beginnt die „heiße Phase“ vor dem Flohmarkt. Ein wichtiger Punkt: Der Einkauf! 180 Eier, 16 Kilo Mehl, 8 Kilo Margarine, 30 Liter Milch, 8 Kilo Zucker für den Waffelteig, 15 Pfund Quark, Joghurt und Gewürze für den Quark, Backkartoffeln, Grillwürstchen, Brot, Kaffee, Kaltgetränke, Grillkohle, Kinderpunsch und Kleinkram…

Inzwischen müssen wir mehrfach fahren, weil nicht alles in mein Auto passt. In den letzten Jahren stand mir dabei stets meine Nachbarin Sabrina als tat- und trag-kräftige Hilfe zur Seite. Schließlich müssen ja alle Lebensmittel in die Küche, dort in den Kühlschrank oder die Gefriertruhe! Ich schreibe mehrere Kurzartikel und schicke sie an die örtlichen „Käseblätter“ vor allem das in Tangstedt, damit meine Nachbarn vorgewarnt sind.

Eine Woche vor dem Flohmarkt
Spätestens jetzt wäre ich ohne fremde Hilfe aufgeschmissen: Mit vereinten Kräften räumen wir Halle und Remise auf, putzen die Bande, harken und sprengen den Hallenboden, fegen den Parkplatz. Unglaublich, was sich alles in einem Jahr so angesammelt hat! Dann räumen wir den Reitplatz von den Hindernissen leer, denn hier werden am Sonntag die meisten Aussteller parken.

Freitag vor dem Flohmarkt
Mit Sabrina gehe ich anhand meiner Excel-Tabellen nochmal Hallenplan aus. Sabrina fungiert schon seit fast 10 Jahren als kompetente, resolute Platzanweiserin und muss noch mehr als ich wissen, wer wo mit seinem Stand stehen soll. Ich miste den Stall heute noch einmal besonders gründlich, damit an den nächsten Tagen nicht so viel zu tun ist. Heute bereite ich auch die Namensschilder für die Helfer vor. Und ich verteile Gutscheine an meine Nachbarn für eine Gratiswaffel oder einen Glühwein. Eine winzige Entschädigung für das Tohuwabohu, was sie am Sonntag umgeben wird.

Samstag vor dem Flohmarkt
Am Samstag fällt für uns die meiste Arbeit an, und mein großes Team kommt ordentlich ins Schwitzen. Es hat sich seit Jahren bewährt, dass fast alle Aussteller ihre Stände schon heute aufbauen. Entsprechend gut muss alles vorbereitet sein. Am Vormittag fahren zwei Helfer los und hängen die Wegweiser für den Flohmarkt an den Einfallstraßen auf. Schließlich sollen ja alle Aussteller und morgen auch die Besucher meinen Flohmarkt finden. Die anderen schleppen unseren Stalltisch und die Tische für die Kaffee- und Waffel-Ecke in die Halle und dekorieren sie. Wir laufen etliche Kilometer, um alle Geräte und Utensilien aus meiner Wohnung in die Halle zu schaffen.

Die Männer kümmern sich derweil um die Elektrik. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, denn ich muss genug Strom für vier Doppel-Waffeleisen (à 1200 Watt), Kaffee- und Glühwein-Automat bereitstellen. Das schafft meine Sicherungsanlage der Halle nicht. Ich zapfe mittels Verlängerungsschnur und Verteilern meine Starkstromleitung aus der Garage an, so dass die Geräte aus unterschiedlichen Stromquellen gespeist werden.

Ein anderes Team markiert die Stände in der Halle und verteilt Namenszettel, damit jeder Aussteller seinen Platz gleich findet. Wenn wir Glück haben und alles reibungslos geklappt hat, bleibt uns jetzt eine Verschnaufpause bei einem Tässchen Tee und einer Stärkung, bis ab 15.00 die ersten Aussteller eintrudeln und von Sabrina eingewiesen werden. Wir backen die ersten Waffeln im Testlauf und kochen für die Aussteller Kaffee. Erst gegen 22.00 können wir die Halle abschließen.

In der Zwischenzeit hat sich meine Küche in ein Schlachtfeld verwandelt: Ich fange an, die rund 60 Liter Waffelteig anzurühren und anschließend den Quark für die Ofenkartoffeln. Wie gern würde ich den Teig schon einen Tag vorher zubereiten, aber ich traue mich nicht, weil er so viele Eier enthält. Es soll ja nichts schief gehen. Dann werden die Kartoffeln gewaschen und für den Ofen vorbereitet.

Flohmarkttag
Der Sonntag beginnt nach einer kurzen Nacht schon um 6.00 Uhr in der Früh. Als erstes lasse ich – noch im Dunkeln – meine schlaftrunkenen Pferde auf die Weide, damit sie nicht zu viel von dem Trubel mitbekommen. Auch für die Helfer heißt es früh aufstehen. Sie tragen die Lebensmittel in die Halle, weisen die Aussteller ein, die erst heute anreisen, bringen Kaffeemaschine und Glühweintopf zum Wallen (beides sind inzwischen Gastronomie-Geräte, die entsprechend lange brauchen, durchzulaufen). Zwei Helfer stehen frierend an der Straße und regeln den Verkehr. Da ich nur eine Ein- und Ausfahrt habe, kommt es schnell zum Chaos, wenn sich die Autos stauen.

Zwei Stunden später herrscht in der Halle ein unglaubliches Gewusel. Zu den Ausstellern, die noch ihre Stände ordnen und letzte Sachen bringen, gesellen sich die ersten Besucher. Die Halle füllt sich. Tonnen von Reitausrüstung, Pferdedecken, Büchern und sonstigem Zubehör wurden am Vorabend von fleißigen Händen hereingetragen – und nun von Käufern wieder hinaus. Ab neun werden von drei Helfern Waffeln im Akkord gebacken, Kaffee und Punsch ausgeschenkt. Wenig später kommt der Würstchengrill in Gang. Im Ofen garen die ersten Kartoffeln. Der Flohmarkt hat begonnen!

Jedes Jahr ebbt gegen 14.30 Uhr der Besucherstrom ab, die Aussteller packen wenig später ihre sieben Sachen. Es wie ein Spuk: Nach zwei Stunden ist Halle wieder wie leer gefegt – und erstaunlich sauber und aufgeräumt, weil alle Aussteller ihren Platz ordentlich hinterlassen. Irgendwie haben wir zwischendurch noch den Stall gemistet und die Pferde reingeholt, meine verschreckten Hunde getröstet, und jemand hat in der Küche aufgeräumt. Ich sitze wieder mit meinem Helferteam völlig erschlagen aber glücklich im Wohnzimmer und ziehe Bilanz… Ich kann mich gar nicht genug bei den vielen fleißigen Helfern bedanken. Ohne sie wäre dieser Flohmarkt undenkbar.

Manchmal werde ich von Freunden, denen ich von Vorbereitungen erzähle, gefragt, warum ich mir das jedes Jahr wieder antue? Ganz einfach: Weil es Spaß macht. Ich genieße die fröhliche, harmonische Stimmung, treffe Leute, die ich nur an diesem Tag wiedersehe und freue mich mit den Besuchern und Ausstellern über die guten Geschäfte. Aber ganz klar muss ich einen zweiten Flohmarkt im Jahr – wie er so oft vorgeschlagen wird – ablehnen!

Karin Schöpke

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